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10 Jahre Jüdisches Gemeindezentrum Duisburg

Ein persönlicher Rück- und Ausblick von Dr. L. Joseph Heid (Auszüge)

Ende der 1950er Jahre bot der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Mülheim-Duisburg, Salomon Lifsches, der Jüdischen Gemeinde sein Wohnhaus in der Kampstraße 7 in Mülheim an der Ruhr zum Zweck des G’ttesdienstes an. Vorausgegangen waren lange und schwierige Verhandlungen über Kosten und Unterhalt des geplanten G’tteshauses. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein-Westfalen zweifelte keineswegs an dem Bedürfnis und der Notwendigkeit für ein Gemeindehaus, sorgte sich allerdings angesichts der geringen Zahl an Gemeindemitgliedern um die mangelnde finanzielle Stärke der Jüdischen Kultusgemeinde, die Unterhaltung des Gebäudes auf Dauer zu gewährleisten. Die Gemeinde ließ sich jedoch nicht beirren. Die Umbauarbeiten am Haus in der Kampstraße wurden wie geplant durchgeführt und nach einer Bauzeit von 1½ Jahren beendet. Entsprechend der niedrigen Anzahl der Gemeindemitglieder - 1960 waren es rund 100 - wurde die Synagoge ziemlich klein gehalten. Sie verfügte über 72 Sitzplätze. Die Frauen saßen rechts, links die Männer. Ein gegenüberliegender Raum diente als Versammlungssaal und als Ort für besondere Kulthandlungen. Im Obergeschoss befanden sich die Verwaltungsräume für Vorstand und Gemeindevertretung.

Die Einweihung des neuen Gemeindehauses am 24. April 1960 war das bis dato bedeutendste Ereignis der Doppelgemeinde Mülheim-Duisburg nach dem Holocaust und zur damaligen Zeit ein öffentliches Ereignis. Juden gab es weder in Deutschland, noch in Mülheim oder Duisburg. Jedenfalls nahm man sie nicht wahr. Die Gemeinde hatte nicht einmal einen eigenen Rabbiner. An den Hohen Feiertagen wurde ein Rabbiner oder Kantor von auswärts eingeladen. Um den Fortbestand der Gemeinde zu sichern, schloss sich 1968 die Jüdische Gemeinde Oberhausen der Mülheim-Duisburger an.

Geradezu familiär ging es in der Mülheimer Synagoge zu, die den Charme eines Einfamilienhauses nie ganz ablegen konnte. Für besondere Feste reichte der Synagogen-Vorraum nicht. An den Feiertagen, zu Gemeindebällen oder zum Sederabend, mussten Anleihen bei den umliegenden Kirchengemeinden gemacht sowie ein Saal gemietet werden.

Die Gemeindestruktur war übersichtlich - und das Vereinsleben auch. Es bestand ein Frauenverein, später kam ein Seniorenverein hinzu. 1987 wurde ein Jugendclub für Jugendliche ab dem 10. Lebensjahr gegründet. Die wenigen Jugendlichen orientieren sich jedoch weiterhin zur großen Nachbargemeinde nach Düsseldorf. Ein gemeinsamer Friedhofsbesuch vor den Hohen Feiertagen war im Jahre 1990 noch ein schwieriges Unterfangen, da kein notwendiger Minjan zustande kam.

Nachdem die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen 30 Jahre lang das Haus an der Kampstraße als Synagoge genutzt hatte, wurde durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die Notwendigkeit eines größeren G’tteshauses und Gemeindezentrums immer dringender. Die Mitgliederzahl der Gemeinde schnellte von ca. 50 Mitgliedern vor 40 Jahren durch die russisch-jüdische Zuwanderung seit Ende der 1980er Jahre auf über 1.300 Mitglieder an und hat in der Gegenwart die 3.000er Marke fast erreicht.

Nach jahrelangen Verhandlungen und Überlegungen einigten sich die Jüdische Gemeinde und die drei Städte Mülheim, Duisburg und Oberhausen, den Neubau eines jüdischen Gemeindezentrums zu ermöglichen und die Kosten zu je einem Drittel unter Land, den drei Städten und Jüdischer Gemeinde aufzuteilen. Die Stadt Duisburg erbrachte ihren Anteil durch die Bereitstellung des Grundstücks.

Im Frühjahr 1996 lobte die Jüdische Kultusgemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen einen Einladungswettbewerb aus. Sieben international renommierte Architekten wurden als Teilnehmer eingeladen. Das Preisgericht entschied sich für den Entwurf des deutsch-israelischen Architekten Zvi Hecker. Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 1997.

Die Synagoge besticht durch die Metapher eines geöffneten Buches, die fünf Bücher Mose, in Stein umsetzt, und bildet in der Achse seines Mitteltraktes - wo sich das religiöse Zentrum befindet - eine gedachte Linie zum Standort der 1938 zerstörten Synagoge in der Junkernstraße. Und eine weitere Interpretation lässt sich unschwer erkennen: Die Metapher einer geöffneten Hand. Die Synagoge selbst bietet Platz für 220 Gläubige. Im Gemeindezentrum befinden sich Büro- und Klassenräume, Gemeinschaftsräume, ein Festsaal, eine Bibliothek sowie eine Doppelgroßküche, die der Kaschruth, also den jüdischen Speisevorschriften, gerecht wird.

Die Einweihung des Gemeindezentrums fand am 30. Mai 1999 statt. Um elf Uhr an diesem denkwürdigen Tag wurde die Mesusa angebracht, Architekt Zvi Hecker übergab den Schlüssel an den Gemeindevorsitzenden Jacques Marx.

Die Öffnung der Gemeinde in die Gesellschaft und die konstruktive Kooperation mit Kirchen, Verbänden, Instituten oder der Universität ist erklärtes Ziel der Gemeindeverantwortlichen und inzwischen geübte Praxis. Interreligiöses Engagement hat dabei einen nicht zu unterschätzenden positiven Nebeneffekt: Die Zusammenarbeit ist ein sehr wichtiges „Arzneimittel“ gegen Antisemitismus. Die Öffnung für zahlreiche Führungen, Begegnungen mit anderen Religionen, Kulturen und Gesellschaften, schafft den Boden für ein friedliches Miteinander und einen regen Austausch untereinander. Die umgebene Grünfläche der Gemeinde verwandelt sich im Sommer in einen Ort des Verweilens, ist Anziehungspunkt für Sonnenanbeter und Picknickgesellschaften.
Der häufig zitierte kulturelle „Kristallisationspunkt“, den das Gemeindezentrum bieten sollte und wollte, hat sich bewahrheitet. Theater, Schauspiel, Konzerte, Symposien locken Interessenten in den Gemeindesaal, nicht nur jüdische.

Die neue, real existierende Zukunftschance, die der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands und somit auch der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen, durch die Neuzuwanderung gegeben wurde, ist Segen und Herausforderung zugleich.

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